Strano / Alessandro Schiattarella 2017

Strano / Alessandro Schiattarella 2017

 

Befreiungstanz der Synapsen

 

Das Theater war immer schon der Ort, wo das Abnorme seinen Platz hat. Bereits Dionysos, Urvater des Theaters, hatte Ziegenfüsse. Der Tänzer und Choreograf Alessandro Schiattarella leidet seit seinem 16. Lebensjahr an einer neuromuskulären Erkrankung. Eine Katastrophe für einen, dessen Körper perfekt sein sollte.

Der 34-Jährige hat trotz Erkrankung mit Choreografiegrössen wie Maurice Béjart, Joelle Bouvier oder Richard Werlock zusammengearbeitet. Er hat am Grand Théâtre de Genève, am Ballett Basel und am Stadttheater Bern getanzt. Er kennt die Schlangengrube der Tanzensembles, den dort herrschenden Konkurrenz- und Leistungsdruck.
Mit «Tell Me Where It Is» hat Schiattarella 2015 erstmals in der freien Tanzszene produziert, unter anderem im Theater Roxy in Birsfelden. In diesem Solo beschäftigte er sich mit Bewältigungsstrategien, die mit seiner Behinderung einhergehen.

 

Wie entsteht Normalität?

 

In seiner zweiten Arbeit mit dem Titel «Strano» arbeitet Schiattarella erstmals in der Doppelfunktion Choreograf und Tänzer. Er interessiert sich in dieser Arbeit dafür, wie sogenannte Normalität eigentlich entsteht. Wie wird sie konstruiert? Und wer bestimmt, was Norm und was abnorm ist? Der 34-Jährige versteht seine neuste Kreation als «Bereitstellung gangbarer Optionen gegen jegliche Vorstellung von Standardisierung.»
Mit Schiattarella stehen vier Tänzerinnen (Luciana Croatto, Maryline Muller, Shona Bridge und Kihako Narisawa) und ein Schauspieler (Erwin Aljukic) auf der Bühne, oder besser gesagt, zwischen den Zuschauern. Die Tanzfläche im Roxy verläuft diagonal durch den Raum. Zwei grosse Screens zeigen zu Beginn schemenhafte Close-ups von Körpern und Gesichtern. Sphärisch der Klang aus den Boxen.

 

Machtkampf im Tanzensemble

 

Eine kleinwüchsige Gestalt mit einer Maske, die sein eigenes Gesicht seltsam vergrössert zeigt, steht im Halbdunkel vor einem umgekippten Rollstuhl. Er gehört Erwin Aljukic. Der Schauspieler braucht das Gefährt auch privat. Er hat die Glasknochenkrankheit. Seltsam entrückt dreht die Gestalt am vor ihm liegenden Rad und dirigiert mit dieser Geste das restliche Ensemble. Es muss im Kreis rennen. Lange.
Hier hat der Gebrechliche, der zuvor Ausgestossene, die Macht ergriffen. Wie der verkrüppelte Richard III. berauscht er sich an Macht und Einsamkeit. Dieses abgründige Bild ist ein Kulminationspunkt dieser Inszenierung. Schiattarella und seine Truppe deklinieren im ersten Part Konventionen des tänzerischen Mit- und Gegeneinanders durch.

Wir sehen die virtuose Verrenkung aller Gliedmassen. Das perfekt gehaltene Solo. Den verschmähten Mitspieler. Die durch eine unbekannte Macht aneinandergeschweisste Gruppe. Den Kampf um den Thron – der doch eigentlich ein Rollstuhl ist. Dass «Strano» trotz karger Mittel zu einem intensiven Bildreigen wird, daran sind Musik und Licht wesentlich beteiligt. Bruno Raco entwirft mal flächig, mal rhythmisch treibend den passenden akustischen Rahmen. Für die vielschichtigen Stimmungen und schönen Lichträume des Abends sorgt Minna Heikkilä.
Nach dem Kampf und Gezerre um die Mitte der Bühne verlagert Schiattarella den Focus. Der bis hierhin düstere Reigen wird hell, zärtlich und anmutig. In einer Art Stafette erproben die Protagonisten das respektvolle Miteinander. Siehe da: Es geht auch ohne Machtkampf, ohne Autorität und Gehorsam.

Am Ende erscheinen am Bühnenboden und auf den Videoscreens Synapsengeflechte. Die Mikrostrukturen unserer Nervenbahnen prägen uns zwar, sind aber nicht statisch. Sie sind veränderbar.

von Mathias Balzer — bz

photo: Rosa Sanzone

 

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